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Die Anekdote zum Titel "Rasiermesser-Quartett"

Wir werden wohl nie mehr herausfinden können, was an jenem Novembertag des Jahres 1789 wirklich geschah, als Haydn in Esterhaz überraschend Besuch aus England bekam. Es war der englische Verleger und Musikalienhändler Bland, der Haydn in der Hoffnung aufsuchte, Musikstücke zu erwerben und Haydn zu einer reise nach England zu bewegen. Haydn schrieb am 15. Novmber an den Wiener Verleger Artaria:
1789
»es war letzte Woche Herr Bland ein Engländer bey mir (nämlich Esterhaz); Er wollte mir verschiedene Stücke abnehmen, Er erhielt aber in Rücksicht Ihrer keine Note«
Haydn wollte offensichtlich mit dieser Anmerkung seinen Hauptkunden Artaria bei Laune halten. In Wirklichkeit verließ Bland Esterhaz mit einem ganzen Packen Haydnscher Werke, darunter vermutlich auch die Streichquartette opus 55. Die nächste Erwähnung der Begebenheit findet sich in einem englischen Büchlein mit dem Titel »Music and Friends or Pleasant Recollections of A Dilettante«:
1838
»...Bland. Dieser Musikalienhändler war, so glaube ich, der erste Engländer, der den Komponisten in Wien besuchte. Er erzählte mir, daß Haydn ihn zum Schluß ihrer Unterredung gefragt habe, ob er ein englisches Rasiermesser für ihn hätte. Er würde gerne eine Reihe Quartette dafür überlassen. So kehrte Bland zurück beladen mit den Kompositionen dieses Meisters.«
Bland wurde über neunzig Jahre alt, hatte also Gelegenheit, die Geschichte immer wieder und in verschiedensten Schattierungen zu erzählen. Die folgende Version stammt von seinem Geschäftsnachfolger Purday und trägt schon alle Züge einer Musikeranekdote, an deren Einzelheiten man sich ergötzt, ohne allzu streng nach der Wahrheit zu fragen:
1880
»Bland besuchte einst als 90jähriger Greis sein ehemaliges Gewölbe und erzählte dem Besitzer, daß er der Erste war, der nach Deutschland hinüberging, um Haydn für die Salomon-Concerte zu gewinnen. Auch bestätigte er die bekannte Anekdote, daß er bei seinem Besuche Haydn gerade vor dem Spiegel antraf, um sich zu rasieren. >Ach! Mr. Bland< (rief er aus, denn er litt unter seinen eigenen Händen Höllenqualen), >hätte ich doch ein gutes Paar englischer Rasiermesser, mein bestes Quartett würde ich darum geben<. Rasch eilte Bland in den nahe gelegenen Gasthof, holte seine eigenen Messer und übergab sie Haydn, der ihm hocherfreut dagegn ein eben fertig gewordenes Quartett (Nr.5 der Tostschen) übergab, das seitdem unter der Bezeichnung >Rasiermesser-Quartett< bekannt ist.«

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